Eine harmonische Atmosphäre ist kein Gütekriterium für funktionierende Teams, Abteilungen oder Unternehmen. Oft scheint alles stimmig zu sein, man sagt nichts Böses, es herrscht eine vermeintliche Wohlfühlatmosphäre. Das Problem daran: diese Zuckergussharmonien sind häufig nur Fassade und Ausdruck einer fehlenden Lernkultur. Was ich damit meine, schildere ich mit einem Beispiel.

Dienstagnachmittag, ein Meetingraum in Deutschland. Zwei Designer, eine Kollegin aus dem Marketing, ein Softwareentwickler und der Projektleiter sitzen im Raum. An die Wand ist der neueste Designentwurf für eine App gebeamt, der Relaunch steht kurz bevor. Der Senior Designer stellt seinen Entwurf vor, führt durch etliche Screenshots und kommentiert sie. Er ist sichtlich überzeugt, schließlich hat er einige Jahre Erfahrung auf dem Buckel und es ist ja auch nicht die erste App, die er designt. Am Ende seiner Präsentation angekommen, klopfen alle höflich auf den Tischen. „Habt ihr Fragen? Oder Feedback?“ fragt er. Betretenes Schweigen, die Marketingkollegin schenkt sich erst mal ein Wasser ein. Schließlich erhebt der Projektleiter die Stimme: „Leute, was sagt ihr denn? Sieht doch super aus, oder?!“. Die anderen schauen betreten auf den Tisch oder etwas überanstrengt auf die letzte Folie an der Wand. Der weniger erfahrene Designer fühlt sich genötigt etwas zu sagen: „Ja, gefällt mir gut. Doch, machen wir so.“. Minimales Kopfnicken ist bei den anderen zu erkennen, als der Projektleiter seinen Blick durch den Raum schweifen lässt. „Super, danke für euer Feedback. Klasse, dass wir uns alle einig sind.“ entgegnet er, steht auf und beendet damit das Meeting. Sichtlich erleichtert gehen die anderen hinterher. Fünf Minuten später in der Küche, der jüngere Designer und der Entwickler stehen an der Kaffeemaschine. Designer: „War das sein Ernst? Er hat das Feedback unserer Kunden komplett ignoriert, einfach sein Ding durchgezogen. Und der Projektleiter stimmt mit ein. „Unfassbar.“ Entwickler: „Reg dich nicht auf. Das war beim letzten Relaunch genau das gleiche. Ich versteh dich ja, aber daran änderst du wohl nichts.“ Weitere Kollegen kommen in die Küche, das Gespräch ist beendet.

So oder so ähnlich kennt das vermutlich jeder.

Das Szenario ist beispielhaft für Systeme (damit meine ich soziale Konstrukte wie Teams und Organisationen), in denen eine scheinbare Harmonie herrscht. Im Meeting äußert der Entwickler kein negatives Wort, stellt nicht mal eine Frage. Erst an der Kaffeemaschine macht er seinem Ärger Luft, im vertrauten Gespräch mit einem Verbündeten. Und diese Gesprächskultur ist auf Dauer toxisch.

Wenn Menschen keine kritischen Gedanken äußern, nicht auf Probleme hinweisen, keine echten Fragen stellen, dann wird sich das Team, das System, nicht verbessern. Es wird sich wahrscheinlich über kurz oder lang sogar verschlechtern und im schlimmsten Fall ins Aus katapultieren. Die Qualität der Arbeit nimmt ab, die Unzufriedenheit der Kollegen nimmt zu und am Ende stehen abwandernde Kunden und echte oder innere Kündigungen.

Denn nur wer Probleme offen benennt, schlechte Entscheidungen offen anzweifelt und Kritik äußert, der kann sich verbessern. Wer das nicht tut, hat kaum eine Chance, dauerhaft gute Produkte oder Services zu liefern. Denn dann gewinnt die Meinung von dem, der mehr Macht und dessen Wort daher mehr Gewicht hat.

Nicht falsch verstehen: auch ich mag es, wenn Kollegen sich verstehen, kumpelhaft oder gar familiär miteinander umgehen. Darum geht es mir gar nicht. Dieses kumpelhafte, familiäre Arbeiten kann meiner Meinung nach nur dann Ausdruck einer wirklich gesunden Arbeitskultur sein, wenn Konflikte ausgetragen werden. Wenn zum Beispiel Designentwürfe kritisiert werden, wenn Entscheidungen von Führungskräften angezweifelt werden, wenn unsoziale Verhaltensweisen benannt werden. Diese Kritik ist oft schmerzhaft, aber sie ist auch heilsam. Sie ist metaphorisch gesprochen die Spitzhacke, die den Boden auflockert, damit danach aus den Samen neue Pflanzen erwachsen können. Denn an diesen neuralgischen Punkten wachsen Teams zusammen. Wenn Teams in Konflikte als Kollaborationspartner gehen und auf der Suche nach echtem gegenseitigen Verstehen sind, wenn sie der Wunsch danach antreibt, gemeinsam die beste Lösung zu finden, entsteht Vertrauen und die Basis für wirkliche Harmonie.

Der letzte Punkt ist essenziell: Lösungen finden. Ausschließlich mit dem Finger auf Probleme zeigen oder Kritik äußern, die persönlich beleidigend ist, ist nicht hilfreich. Die eigentliche Magie passiert da, wo Menschen sich öffnen für neue Lösungen, für die Ideen und Fragen der anderen.

Diese Art von Kultur zu etablieren ist echte Arbeit. Dazu brauchen Menschen eine innere Haltung, die für Vorschläge von anderen offen ist – ohne direkt den inneren Kritiker sprechen zu lassen, der erst mal auf Abwehr geht. Es braucht Mut und einen Rahmen, in dem ich sicher sein kann, dass mir bei offen geäußerter Kritik nicht der Kopf abgeschlagen wird, sondern danach in Richtung Lösung weitergedacht wird. Und weil in vielen Unternehmen derjenige belohnt wird, der mit dem Strom läuft statt Fragen zu stellen, ist der Wandel hin zu einer Lernkultur oft ein weiter Weg. Aber er lohnt sich, weil diese Art der Zusammenarbeit auf Dauer die innovativeren Produkte, die zufriedeneren Kunden und Mitarbeiter hervorbringen wird.

Wie sehen Sie das mit der Harmonie in Teams? Schreiben Sie mir gern, ich freue mich auf Ihre Meinung oder Fragen: em at flowedoo.de

Die Autorin

Elisabeth Morgner ist Agile Coach, Scrum Master und Systemischer Coach. Sie begleitet Teams mit viel Kreativität in Zeiten der Veränderung und findet mit ihnen gemeinsam die passenden Lösungen. Ihr Herz schlägt für Sprache, guten Kaffee und schöne Städte auf der ganzen Welt.