Ich bin ein echter Fan von alternativen Arbeitsmodellen und Lebensentwürfen und habe das Glück, dass ich mich als Scrum Master und Agiler Coach einen Großteil meines Tages mit agilen Herangehensweisen und dem spannenden Thema „New Work Experience“ beschäftigen kann. Das macht mich sehr zufrieden und erlaubt mir, mit sehr viel Leidenschaft meinen Job ausüben zu können. Ein noch größerer Fan bin ich allerdings von meinem Sohn, der mich die letzten 11 Jahre immer wieder aufs Neue fasziniert hat. Als es um die Wahl der weiterführenden Schule ging, war ich begeistert, als ich von dem Konzept der Gesamtschule im Nachbarort erfuhr: Die Schüler/innen erarbeiten sich einen wesentlichen Teil ihrer Lernpläne selbstorganisiert in Lernbüros. Die Planung und Dokumentation dafür findet im individuellen Logbuch statt. Es werden nahezu keine Klassenarbeiten mit allen zur gleichen Zeit geschrieben. Jeder kann in seinem Tempo den Lernstoff erarbeiten und sich für das sogenannte Zertifikat anmelden. Dabei werden die Schüler/innen von zwei Tutoren (Klassenlehrer) begleitet. In dem Fach „Beraten und Studieren“ gibt es für jeden individuelles Lerncoaching durch einen der beiden Tutoren. Spannendes Konzept, hat mich als Coach sofort überzeugt. Ich bin nach wie vor hochzufrieden darüber, dass mein Sohn an dieser Schule einen Platz bekommen hat.

Selbstorganisation und Vorpubertät

Das Schulkonzept geht in der Praxis auch einigermaßen gut auf und mein Sohn findet sich in der Selbstorganisation ziemlich gut zurecht. Aber auch an dieser Schule nähern sich die Schülerinnen und Schüler mit 11 Jahren so langsam der Pubertät und es gilt, sich auszuprobieren und Grenzen auszuloten. Nachdem mein Sohn jetzt zum wiederholten Male einen Eintrag in seinem Logbuch mit nach Hause gebracht hat und der Ton der Kommentare seines Tutors merklich schärfer wurde, musste etwas passieren. Ein zeitlich begrenzter Medienentzug erschien mir nur mittelmäßig sinnvoll als Veränderungsimpuls. Mein Sohn selbst war dann doch ziemlich geknickt und ratlos, was er denn eigentlich anders machen könnte. Also habe ich überlegt, was ich in meinem sonstigen Leben tun würde, wenn ich gerade nicht schwerpunktmäßig in meiner Rolle als Mutter unterwegs bin. Wenn etwas nicht funktioniert, probiere etwas anderes. Und dafür ist eine Retrospektive immer ein guter erster Schritt. Das haben wir dann auch gemacht. Ich habe meinen Sohn zu einem Experiment eingeladen, haufenweise Post It’s auf den Tisch gelegt sowie zwei Überschriften vorbereitet „Was ist gut gelaufen?“ und „Was ist nicht so gut gelaufen?“. Beide wurden an unsere Fensterfront zum Garten geklebt und los ging es: jeder drei Minuten, aufschreiben, was gut gelaufen ist in den letzten Wochen, Timetimer-App auf dem Handy gestartet.

Ein natural born Scrum Master

Ganz selbstverständlich hat mein Sohn auf jeden Zettel nur eine Sache notiert und wir hatten ziemlich schnell, ziemlich viele Punkte gefunden, die wirklich gut gelaufen waren. Wir haben uns beide gefreut und dann die zweite Runde gestartet. Auch hier gab es viele Themen, die wir beide auf unseren Zetteln hatten und darüber hinaus konnte mein Sohn ziemlich gut formulieren, wo gerade seine Challenge liegt. Besonders hat er sich darüber gefreut, dass es trotz aller berechtigter Kritik auf der positiven Seite mehr Zettel als auf der negativen gab. Und während wir da noch so standen und unser bisheriges Ergebnis betrachteten, fragte mein Sohn „Mama, können wir noch eine Runde machen?“ „Klar!“ war meine Antwort „Was willst du denn noch für eine Runde machen?“ „Wir können so ja auch Lösungsideen aufschreiben.“ „Strike!“, sagte da mein Mutterherz. Gut, als Scrum Master könnte man natürlich anmerken, dass ich den Prozess im Vorhinein nicht transparent genug erläutert habe. In diesem Fall hätte es mir aber diesen kleinen, inneren Freudentanz vorenthalten. „Mein Sohn ist ein natural born Scrum Master!“ Wir haben dann noch fünf Lösungsideen gesammelt und eine davon ist ins Logbuch als Wochenziel für die kommende Woche gewandert.

Fazit zum Experiment: Die Retrospektive in der Begleitung Vorpubertierender (Zwinkern)

Und was ist mein Fazit aus Sicht eines Agile Coaches und Scrum Master? Agil ist mehr eine Frage der Haltung und des inneren Mindsets als eine Frage der reinen Prozesslehre. Bei Retrospektiven kommt es viel weniger auf ausgeklügelte Drehbücher an. Im Wesentlichen geht es darum, dass alle Beteiligten Continuous Improvement wollen. In der Kindererziehung scheint mir das genauso der Fall zu sein. Zur Feier dieser großartigen, gemeinsamen Erfahrung gab es dann für jeden ein halbes Schoko-Eis im Hörnchen. Mehr waren nicht mehr im Eisfach und man kann Hörnchen erstaunlicherweise ziemlich gut mit einem scharfen Messer halbieren.